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Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel. – Rolf Hochhuth (1963)
Mit seinem 1963 uraufgeführten Drama Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel löste der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth eine der heftigsten kulturpolitischen Debatten der Nachkriegszeit aus. Im Zentrum des Stücks steht ein moralisches Dilemma von weltgeschichtlicher Tragweite: die Rolle der katholischen Kirche – insbesondere Papst Pius XII. – während des Holocaust. Hochhuth wirft der Kirche, verkörpert durch die dramatische Figur des Papstes, vor, angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus geschwiegen zu haben.
Der Autor, Rolf Hochhuth, geboren 1931 in Eschwege und verstorben 2020, war ein Schriftsteller, der sein Werk stets als moralisches Korrektiv verstand. Der Stellvertreter war sein literarisches Debüt – und wurde sofort zum Skandal. Während viele das Stück als mutigen Beitrag zur Aufarbeitung deutscher Vergangenheit lobten, sahen andere darin eine ungerechtfertigte Anklage gegen die Kirche und eine problematische Instrumentalisierung der Kunst.
In diesem Blogbeitrag möchte ich gemeinsam mit euch über dieses Werk sprechen, das bis heute nichts von seiner provozierenden Kraft verloren hat. Was wollte Hochhuth erreichen – und wie weit darf Literatur gehen, wenn sie politische und moralische Fragen stellt?
Da Der Stellvertreter einen nicht unerheblichen Umfang hat – in meiner Ausgabe vom Rowohlt Taschenbuch Verlag umfasst das Werk (erschienen in Hamburg, 2021) 379 Seiten, den Anhang nicht mitgerechnet – wollen wir uns für die gemeinsame Lektüre etwas mehr Zeit nehmen als üblich. Wir werden etwas längere Zeit bei diesem Buch bleiben, bevor das nächste Werk vorgestellt und gelesen werden soll. Selbstverständlich dürfen aber auch im Nachhinein Fragen und Anregungen formuliert werden. So ist der Sinn dieses Blogs nämlich, einen offenen Raum für den Austausch zu schaffen. In den Kommentaren könnt Ihr Eure Gedanken, Fragen, Irritationen oder Beobachtungen festhalten – ganz gleich, ob Ihr das Stück bereits vollständig gelesen habt oder Euch noch mittendrin befindet. Jeder Beitrag ist willkommen und kann neue Perspektiven eröffnen. Ich werde versuchen, auf alle Kommentare einzugehen – sei es im Hinblick auf das Werk selbst, die historische und literarische Rezeption oder auch im Kontext der Debatten um den/die Autor:in.
Um Euch die Lektüre zu erleichtern und vielleicht auch zu strukturieren, formuliere ich hier schon einige einleitende Fragen:
- Welche Gedanken löst der Titel – insbesondere auch der Untertitel Ein christliches Trauerspiel – bei Euch aus? Welche Erwartungen weckt er, und in welchem Verhältnis steht er zum Inhalt des Stücks?
- Warum, meint Ihr, hat Rolf Hochhuth sich ausgerechnet für die dramatische Form entschieden, um ein so komplexes und sensibles Thema wie das Schweigen der Kirche im Angesicht des Holocaust zu behandeln? Welche Wirkung erzielt das Drama, die ein Essay oder ein Roman möglicherweise nicht hätte erzielen können? Und wie beeinflusst die dramatische Struktur Euer Leseerlebnis?
- Seit der Antike, besonders zur Zeit der Aufklärung, gilt das literarische Ideal prodesse et delectare – zu nützen und zu unterhalten. Trifft dieses Ideal auf Der Stellvertreter zu? Oder stellt Hochhuth dieses Verhältnis bewusst in Frage?
- Welche Erwartungen habt Ihr an eine literarische Auseinandersetzung mit historischen Verbrechen? Muss Literatur „wahr“ sein – historisch, emotional oder moralisch? Oder darf sie überzeichnen, zugespitzt formulieren, um eine tiefere Wahrheit sichtbar zu machen?
- Hochhuths Drama wurde nach seiner Veröffentlichung heftig kritisiert, aber auch leidenschaftlich verteidigt. Wie beurteilt Ihr die Provokation des Stücks heute – wirkt sie aus heutiger Sicht überzogen, notwendig oder sogar prophetisch?
- Obwohl es sich bei Der Stellvertreter um ein Drama handelt, das üblicherweise keine Erzählinstanz kennt, vermittelt das Stück dennoch eine klare Haltung. Wie wird diese Haltung formal greifbar? Durch wen oder was spricht hier eigentlich das moralische Urteil?
- Welche Wirkung entfaltet die Tatsache, dass das Stück weitgehend ohne klassischen Protagonisten auskommt? Seht Ihr den Jesuiten Riccardo Fontana als Identifikationsfigur – oder ist er eher ein ethisches Ideal?
- Welche Rolle spielt die Vielstimmigkeit des Dramas? Wie wirken sich die Wechsel zwischen kirchlicher, politischer und privater Sphäre auf unsere Wahrnehmung des Geschehens aus?
Hier könnt Ihr Eure Gedanken/Fragen/Anregungen teilen!
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